Gerd Wiltfang

Eine Oldenburger Reitsportlegende – Ein Grüppenbührener Junge

Aufgezeichnet von Günther Wiltfang

 

 Einfach unvergessen ist und bleibt in der Oldenburger Reiterei eine Reiterpersönlichkeit, die aus dem hiesigen ländlichen Bereich hervorgegangen ist: Gerd Wiltfang aus Schierbrok in der Gemeinde Ganderkesee. Sein Vater, ein Pferde- und Reitsportbegeisterter Bäckermeister bescherte dem Sechsjährigen zu Weihnachten ein Pony namens Bobbi. Mit ihm gewann er auf dem Turnier seines Vereins in Grüppenbühren sein erstes Ponyrennen.

 

Etwas später ritt er dann den legendären Bubi, mit dem er landauf landab als "Roter Teufel von Schierbrok" reihenweise die Ponyrennen gewann, unter anderem auch 1956 zehnjährig auf dem Landesturnier in Rastede – vom Großherzog persönlich dekoriert. Der Großherzog war übrigens der erste, der ihm eine große Karriere prophezeite.

 

Und das kam so:

Die Schule Schierbrok machte ihren Sommerausflug nach Rastede natürlich mit Besichtigung des Schlossparks. Gerd interessierte nicht so sehr das Schloss sondern die Ponyherde des Großherzogs vor demselben. Zum Entsetzten seiner Mutter springt er über den Zaun, schnappt sich ein Pony und "knackt" mit der aufgescheuchten Herde zum Gaudium der Ausflugsgesellschaft seine Runden auf der Schlosswiese. Der Großherzog, der das Spektakel vom Schloss aus beobachtet hatte, pfiff Gerd zurück und hielt ihm eine geharnischte Standpauke. Seine Mutter aber, die sich händeringend bei im entschuldigte, tröstete er augenzwinkernd: "Beste Frau, den Jungen müssen Sie fördern. So wie der reitet, wird er einmal Karriere machen." Er sollte Recht behalten. Er hat ihm persönlich noch manche Schleife auf späteren Landesturnieren angeheftet.

 

Über Gerd Geschichten zu erzählen könnte abendfüllend werden, aber hier noch eine aus seiner frühen Jugendzeit:

Eines Tages erschien die Bahnpolizei in der Backstube seines Vaters und erklärte dem Verdutzten, dass er eine Anzeige gekommen würde. Was war passiert? Gerd besuchte in seiner Freizeit häufig das nahegelegene Gut Nutzhorn – natürlich zu Pferde. Er musste dazu die Bahnlinie Oldenburg – Bremen queren, die in Höhe des Gutes für den internen Verkehr mit einer Schrankenanlage versehen war, die bei Bedarf durch Klingelknopfdruck von einem entfernt gelegenen Bahnwärterhäuschen geöffnet werden konnte. Das hieß aber manchmal länger warten und auch Ärger mit dem Bahnbeamten, der ihn anfauchte, gefälligst den offiziellen Weg über Bahnhof Schierbrok zu nehmen. Gerd löste das Problem über Wochen auf seine Weise: schnell geschaut, ob nicht gerade ein Zug naht, wenn nein, kurz angeritten – die erste Schranke überwunden. Passend reiten konnte er damals schon, oder hatte der bereits die Bahnschranken vom Hamburger Derby im Auge?

Diesen seinen jugendlichen Übermut hat sich sein Leben lang bewahrt – oft zur Freude seines Publikums. Man denke an die Ehrenrunde auf dem 16 Zentner schweren Bullen "Jupp" nach Gewinn des Großen Preises von Hannover, der es nicht schaffte, Gerd abzuwerfen – die Zuschauer tobten!

 

Oder man erinnert sich an seinen Sieg im Springen ohne Sattel im Westernkostüm auf dem Bremer Hallenturnier und seinen immer noch ungebrochenen Rekord im Springen ohne Sattel in London, wo er 1981 im 4. Stechen des Mächtigkeitsspringens auf Goldika die 2,10 m hohe Mauer überwand.

Gerds außergewöhnliches Talent entwickelte sich und beflügelte seine Karriere. Im Jahre 1962 besuchte er gerade als 16jähriger ländlicher Reiter schon 15 Turnier, brachte 18 Siege, 10 zweite und 11 dritte Plätze heim. Er ritt damals für den RV Ganderkesee, für den er auch zusammen mit Horst Karsten, Günther Hegeler und Heinz Oetken zum 1. Mal die Landesstandarte für den Sieg in der Vielseitigkeit auf dem Landesturnier in Rastede erkämpfte.

 

Nach dem frühen Tod seines Vaters 1963 gab der die Bäckerlehre auf und folgte dem Ruf Alwin Schockemöhles nach Mühlen. Dieser hatte die Begabung frühzeitig erkannt und formte aus dem Rohdiamanten einen Brillanten des nationalen und internationalen Reitsports.

 

Mit dem Sieg in der Deutschen Meisterschaft 1966, die er insgesamt 4 Mal gewann, begann eine Erfolgsserie, die nur wenigen Reitern vergönnt ist.

Um nur einige Erfolge zu nennen:

Sieger im Großen Preis von Aachen, von Wiesbaden, von Donaueschingen, von Deutschland, von Köln, von Wolfsburg, von Luzern, von Paris, King George Cup in London, Hickstead, Sieger im Hamburger Derby, Goldmedaille mit der Mannschaft auf der Olympiade in München, 30 Siege in 55 Nationenpreisen für Deutschland, Europameister mit der Mannschaft, Europameister im Einzel in Rotterdam und schließlich Weltmeister 1978 in Aachen als Krönung.

 

Dazwischen liegen die aufregenden, wechselvollen Jahre der Arbeit für Sponsoren auf unzähligen Turnieren und schließlich Gründung und Aufbau einer Existenz als Reiter und Züchter 1978 in Thedinghausen. Seinen Reiterhof dort baute er aus zu einem Refugium, in dem er mit seiner Familie und seinen Pferden lebte und arbeitete. Es wurde eine Anlage wie im Bilderbuch, ständig besetzt mit 50 bis 80 Pferden, die er aufzog, ausbildete und auf Turnieren vorstellte. Noch in seinem letzten Turnierjahr 1996 ritt er zu 15 Siegen, 5 zweiten und 7 dritten Plätzen in der schweren Klasse. Dazu kamen 38 weitere Platzierungen in Klasse S.

 

Im Jahr 1997 setzte dann völlig unerwartet auf einer Turniertournee ein plötzlicher Herztod diesem erst 51jährigen Reiterleben ein Ende. Auf dem Friedhof seines Heimatdorfes trugen ihn seine Reiterkameraden und Mitstreiter in vielen Nationenpreisen zur letzten Ruhe. Ein Reiterleben hatte sich erfüllt.